Liebe GenossInnen,
im ersten Absatz des Flyers unserer ehemaligen ASJ-NRW-Föderation schrieben wir 2010 „Wir wollen
die Entscheidungsgewalt über unser Leben an niemanden delegieren […]. Denn niemand wird
unsere Meinung vertreten und unsere Angelegenheiten vernünftig regeln, wenn nicht wir selber.“

Einige versuchen, diesen Worten noch in den bis heute existierenden ASJ-Gruppen Taten folgen zu
lassen. Wir sind andere, Ehemalige teils aus inzwischen aufgelösten Gruppen, die sich diesem
Grundsatz trotzdem immer noch anschließen würden. Deshalb denken wir, dass auch unsere eigene
Geschichte nicht erst in Jahrzehnten aus alten Flyern rekonstruiert werden darf, sondern wir sie in
die eigenen Hände nehmen müssen, heute unsere eigenen Erfahrungen von ‚damals‘ reflektieren
und aufschreiben sollten.

Vielleicht geht es euch auch so, dass ihr mit dieser Zeit ein Gefühl davon verbindet, etwas von
Bedeutung – welcher Größenordnung auch immer – aufgebaut oder Erfahrungen gemacht zu haben,
deren Lehren ihr bis heute mit euch tragt. Dieses Stück anarchistisch-syndikalistischer Bewegungsgeschichte wollen wir aufheben – nicht zuletzt auch deshalb, weil die von 2009 an
aufgebauten ASJ-Strukturen der größte anarchistisch-syndikalistische Jugendverband im
deutschsprachigen Raum seit der Weimarer Republik war.

Aus diesen Erlebnissen und Erfahrungen möchten wir ein Buch machen, das im Syndikat-A Verlag erscheinen wird, und wir wollen euch daher bitten, uns aus eurer Zeit in der ASJ zu erzählen – in welcher Form auch immer.

Ihr könnt berichten, theoretisieren, kontextualisieren, kritisch überdenken – eure Beiträge sollen einfach das widerspiegeln, was ihr für wichtig, schön, unterhaltsam, bemerkenswert, … haltet.

Ein paar Anregungen für Auseinandersetzungen möchten wir euch mitgeben.

– Wie war die Mitgliederstruktur eurer Gruppe? Waren die Aktiven vorwiegend Studierende,
SchülerInnen, Auszubildende oder arbeitslos? Wie war der Background – kamen die Aktiven
vorwiegend aus AkademikerInnenfamilien oder aus einem eher klassisch ‚proletarischem‘ Milieu?
Wie hoch war der Frauen*anteil in der Gruppe?
Daraus ergeben sich Folgefragen, die auch Bezug zur Praxis der Gruppen haben:
Wurde die Zusammensetzung der Gruppe reflektiert? Gab es Versuche, diverser zu werden,
Mitglieder außerhalb des eigenen vertrautem Rahmen zu gewinnen? Bezog sich die Praxis der
Gruppe auf Grund der Zusammensetzung vorwiegend auf z.B. Schule, Uni oder (Mini-)Job?

– Welche Themen wurden vorwiegend in der Gruppe behandelt? Und wie kam es dazu? Wurde zum
Beispiel ein starker Fokus auf Antifaschismus gesetzt, weil es ein lokales Naziproblem gab? Wurde
sich an den Bildungsprotesten beteiligt, weil die Gruppe maßgeblich von Studierenden getragen
wurde? Wurde viel zum Thema (Anarcha-)Feminismus gemacht, weil das Thema in der
anarchistischen Bewegung ohnehin zu kurz kommt?

– Wie war das Verhältnis zum Syndikalismus als Theorie und Praxis? Waren die Aktiven alle
Anarch@-SyndikalistInnen? Wurde darauf wert gelegt, dass allen der Unterschied zwischen
Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus bewusst ist? Wurde anarchistisch-syndikalistische Theorie vermittelt (z.B. Rocker)?Gab es interne/öffentliche Veranstaltungen, um anarchosyndikalistische
Theorie und Praxis zu vertiefen/bekannter zu machen? War die Gruppe nach syndikalistischen Prinzipen organisiert? Gab es eine Syndikats-/AG-Struktur und wie gut hat diese funktioniert?

– Wie war das Verhältnis zur lokalen FAU-Gruppe (sofern vorhanden)? Wurde zusammengearbeitet? Gab es Konflikte (persönliche, politische oder sonstige)?

– Gab es eine Auseinandersetzung mit Sexismus innerhalb der eigenen Reihen? Gab es Strategien,
um diesem entgegenzuwirken und haben sie funktioniert? Gab es Fälle sexualisierter Gewalt innerhalb der Gruppe oder von Mitgliedern ausgehend und wie wurde damit umgegangen (sofern dies öffentlich thematisiert werden kann)?

– Wie habt ihr die Zeit ganz persönlich erlebt? Wurdet ihr durch die ASJ politisiert? Wie hat euch
die Zeit geprägt, was waren besondere Erlebnisse/Erfahrungen? Worüber freut ihr euch noch immer? Was schmerzt heute noch? Seid ihr noch in anarchistisch-syndikalistischen Zusammenhängen aktiv oder was macht ihr sonst heute?

– Wie habt ihr die regionale und/oder bundesweite Vernetzung und Zusammenarbeit erlebt? Wart
ihr mit eurer Gruppe dort eingebunden und aktiv? Hättet ihr gerne mehr daraus gemacht oder hat es
mehr genervt und gestresst als bereichert? Als wie sinnhaft/sinnlos habt ihr die Vernetzung erlebt?
Die aufgeworfenen Fragen sind als Anregungen zu verstehen, sie sollen euch keinesfalls darin
begrenzen, was ihr über die Zeit erzählen wollt oder könnt.

Wir möchten aber darauf hinweisen, dass wir natürlich alle nur unsere subjektiven Erfahrungen und
Erinnerungen zusammentragen können und möchten euch bitten, das beim Schreiben zu berücksichtigen. Will heißen, es macht vermutlich nicht so viel Sinn, die Geschichte einer Gruppe mit einem allgemeingültigen Anspruch als Einzelperson zu verfassen, wohl aber die eigene subjektive Geschichte in der Gruppe und wie beides miteinander verbunden war.

Eure Beiträge zur Geschichte der ASJ können unter eurem bürgerlichen Namen veröffentlicht werden, müssen es aber natürlich keinesfalls. Pseudonyme sind selbstverständlich in Ordnung, ebenso wie Beiträge ohne Angaben zu AutorInnen.
Wir freuen uns auf eure Ideen, Vorschläge, Anregungen und Kritik.
Falls ihr euch also vorstellen könnt, etwas zu schreiben oder sonst etwas loswerden möchtet, schickt
uns eine Mail an: frederik@syndikat-a.de

Außerdem möchten wir euch noch bitten, dieses Anschreiben an möglichst alle Ehemaligen und noch Aktiven zu verschicken. Viele Kontakte haben sich über die Jahre verloren, viele Mailadressen sind nicht mehr aktiv, aber vielleicht gelingt es uns ja, möglichst viele Menschen, die dabei waren und sind, von dem Projekt wissen zu lassen und sie einzubeziehen.

Liebe Grüße
A. (ehem. ASJ Bonn), F. (ehem. ASJ Bonn), J. (ehem. ASJ Bielefeld / SelbAmachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veranstaltung am 17.10.2019
19:00 Uhr
Universität Bonn
Hörsaal 17
Regina-Pacis-Weg 3, 53113 Bonn

Digital selves, digital work & digital labor

Soziale Medien sind in aller Munde: mal sollen sie die Rettung der politischen Debatte sein, mal ihr Verderben. Immer öfter wird auf ihre Eigendynamik hingewiesen, also darauf, dass Debatten die in Sozialen Medien ausgetragen werden, nur bedingt Rückschlüsse darauf zulassen, was die öffentliche Debatte prägt.
Dabei wird übersehen, dass Soziale Medien gerade nicht daran scheitern diese Öffentlichkeit zu repräsentieren, sondern im Gegenteil diesen Anspruch gar nicht haben: Die bestimmenden Plattformen wie Twitter sind in mehrerlei Hinsicht gerade keine öffentlichen Orte, sondern private.
Was aber bedeutet das für die Nutzerinnen, die sich immer mehr mit ihrem digitalen Selbst identifizieren, die von Ihnen geteilten Inhalte als ihre Arbeit verstehen und wesentliche Teile ihrer Sozialität vermittelt über diese Plattformen ausleben?
Ausgehend von einer Analyse technischen Handelns als Entäußerung wird im Vortrag diskutiert, wie sich Subjekte und ihre Bedürfnisse in den nach ihren Maßstäben entwickelten Technik nicht nur spiegeln, sondern von der jeweils bereits vorhandenen Technik auch geprägt werden.
Darauf aufbauend wird die These einer dritten Entfremdung erörtert, die Aus den Mechanismen Sozialer Medien folgt und die fortschreitende technische Vermittlung der Welt prägt.

Zur Vortragenden:
Frederike Hildegard Schuh ist Technikphilosophin und Redakteurin der Tsveyfl - dissensorientierte Zeitschrift. Sie hat Politikwissenschaften, Soziologie und Philosophie an den Universitäten Bonn und Wien studiert und arbeitet als Lektorin. Als Autorin und Referentin setzt sie sich dafür ein, sich von den Verhältnissen nicht dumm machen zu lassen - insbesondere nicht von informations- und kommunikationstechnologischen.

 

 

 

Lesung in der "Barrikade".

Wie ist es gut, wenn einem der moralische Halt so gänzlich fehlt.

Am Samstag, den 24.11.2018, 20 Uhr

 

 

 

 

 

Matthias Heße und Annika Stadler lesen
Fanny Gräfin zu Reventlow

Wegen „nicht zu bändigender Widerspenstigkeit“ vom Pensionat für höhere Töchter geflogen, bricht die „Skandalgräfin“ 1895 endgültig mit ihrer adligen Familie und flieht aus dem unterkühlten Husum nach Schwabing, in das Epizentrum der Münchener Bohème mit all ihren schrägen Gestalten, Austeigern, Genies, Künstlern und Blendern.
Die Freiheit wird das Thema ihres Lebens – und Männer dauernde Zielscheibe ihres Spotts. Wedekind, George, Tucholsky und Mühsam sind nur die bekanntesten Namen auf einer langen Liste von Verehrern. Sie malt, schreibt, spielt Theater und lebt mit ihrem Sohn von der Hand in den Mund – „doch immer alles mit Grazie“. Sie starb im Juli 1928, an den Folgen eines Unfalls.
Der Eintritt ist frei, das Hutgeld geht an die Hilfsorganisation Medico International für die "Häuser der Hoffnung".

Matthias Heße ist Schauspieler am Schloßtheater Moers, Annika Stadler ist freischaffende Dramaturgin.

Am Samstag, den 24.11.2018, 20 Uhr in der "Barrikade", Moers-Meerbeck, Zugang über die Barbarastraße.

 Häuser der Hoffnung!

In der Südosttürkei und in Afrin setzen Kurdinnen und Kurden ihren Willen zu bleiben bzw. zurückzukehren der Vertreibungspolitik Erdoğans entgegen. Auf die militärische Eroberung und Zerstörung von Städten beiderseits der türkisch-syrischen Grenze folgt die demographische Neuordnung der Region, mit der demokratische Errungenschaften zunichte gemacht werden sollen: Nach dem Einmarsch bestimmt die türkische Regierung das Leben in Afrin und überzieht gleichzeitig die auf Demokratie und Selbstbestimmung orientierten Kurd*innen in der Türkei weiter mit Repressalien.

Während die über hunderttausend Flüchtlinge aus Afrin auf Rückkehr hoffen sind es in der Südosttürkei Familien aus Şırnak, die sich gegen die Vertreibungen wehren und nun in umliegenden Dörfern selber Häuser bauen. Dabei geht es um mehr als ein Dach über dem Kopf – es geht um ein selbstbestimmtes und demokratisches Leben, jenseits religiöser und ethnischer Zuschreibungen, ob in der Südosttürkei oder Afrin.

https://www.medico.de/kampagnen/haeuser-der-hoffnung/
 
 
 
VERANSTALTUNG in Bonn:
 
20. November, 20:00 Uhr, Alte VHS Bonn, Kasernenstraße 50, Bonn
 
Präsentation der Broschüre "Streitschrift für eine politisch unkorrekte Links-Linke" (Edition Tsveyfl #2, 2018) mit anschließender Diskussion.

Was die Vortragenden sagen:

"Wir wollen an diesem Abend der Frage nachgehen, warum die links(radikalen) Ansätze der letzten Jahrzehnte als gescheitert angesehen werden müssen. Wie konnte es dazu kommen, dass es ausgerechnet rechten Antworten zu gelingen scheint, sich sowohl in der Klassenfrage, als auch bei Fragen von Identität und Anerkennung durchzusetzen?

Befinden sich alle linkspolitischen Richtungen in Schockstarre? Halten wir uns allein aus Angst an den eigenen – historisch überholten – politischen Identitäten fest? Trifft das auf Anarchist_innen, Autonome und Kommunist_innen nicht genauso wie auf zu, wie auf Minderheitenpolitiken? Spielen wir heute nicht alle identitäspolitischen Spielarten egozentrischen Aufbegehrens von marginalisierten und untereinander gespaltenen Gruppen? Glaubt uns irgendwer das Gerede von Solidarität, die sieht wie leidenschaftlich wir uns gegenseitig hassen? Und von welchen Privilegien ist eigentlich ständig die Rede?

Während sich die Linke einerseits auf identitätspolitische Kämpfe verlegt, bei denen nicht mehr Bedürfnisse und Fähigkeiten von Individuen im Mittelpunkt stehen, sondern vermeintliche Betroffenheiten, werden andererseits individuelle Erfahrungen von und mit Differenz dem Jetzt-erst-recht eines neu zu erringenden Klassenbewusstseins untergeordnet.

Dabei ist immer schon vorausgesetzt, dass sich materialistische Betrachtung und Differenzsensibilität ausschließen müssten – und deswegen auch nicht miteinander vermittelt werden könnten. Damit aber treiben wir einander immer weiter in die Handlungsunfähigkeit, verlieren den Blick auf eine Realität, die zum Glück deutlich schillernder ist, als diese eindimensionalen Ansätze starr formalisierter oder strikt moralisierter Politik suggerieren – und in der wir durchaus etwas zu gewinnen haben.

Wir wollen gemeinsam mit euch diskutieren, was das wäre, wie wir dafür kämpfen möchten und wie wir uns als politisch unkorrekte Links-Linke neu erfinden können!"

Das Podium:

Frederike Hildegard Schuh ist Redakteurin und Autorin der Tsveyfl - dissensorientierte Zeitschrift und lebt und arbeitet in Wien. Sie hat Philosophie, Politikwissenschaften und Soziologie in Bonn und Wien studiert und schreibt und spricht dagegen an, sich von den Verhältnissen dumm machen zu lassen. 

atta boy lebt und arbeitet in Wien. Er war in verschiedenen Freiraumprojekten tätig und hat Politikwissenschaften sowie Critical Studies studiert. Queer ist für ihn ist nach Bini Adamczack "die Begierde, nicht dermaßen identifiziert zu werden".





Veranstaltet von Rhizom e.V., Tsveyfl - dissensorientierte Zeitschrift und dem Arbeitskreis für studentische Kultur und Politik

Unterstützt durch das Kulturreferat des AStA der Uni Bonn 
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