V 82: Rudolf Rocker - Über das Wesen des Föderalismus im Gegensatz zum Zentralismus

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Art.Nr.: V82


Produktbeschreibung

60 Seiten | 2022

Der Titel dieser Broschüre ist echt nicht der Hit, der Text aber sehr wohl! Danke an Knobi. Er hat mich durch seine Recherche-Anfrage mit der Nase drauf gestoßen.
Vortrag aus dem Jahre 1922...und manchmal hat man das Gefühl, das sich aber auch nichts verändert/verbessert hat. sad

Textausschnitt
Hier gelangen wir zu einem äußerst wichtigen Punkt: Wenn wir die verschiedenen Richtungen und Strömungen einer Bewegung überschauen, so müssen wir dabei von folgendem Grundsatz ausgehen: Solange eine Bewegung existieren wird, werden stets verschiedene Strömungen innerhalb der Gesamtbewegung bestehen, die nicht immer einer verschiedenen Auffassung der Dinge entspringen, sondern sehr oft ihren Ursprung in der Verschiedenartigkeit des Temperaments und der persönlichen Energie der einzelnen finden. Und das ist gut so.
Denn wir alle sind nur Menschen und es gibt nichts Absolutes unter uns. Die besten von uns können sich irren, und daher gilt es jede Meinung, die von einem guten Willen und einer ehrlichen Absicht diktiert ist, zu prüfen und nicht bedingungslos zu richten über andere. Ich bin sogar der ketzerischen Meinung, daß es keine absolute Wahrheit gibt, sondern, daß alles, was wir jeweilig als Wahrheit anerkennen, sich nach dem momentanen Stand unserer Erkenntnis richtet. Was heute wahr ist, morgen ist es vielleicht überlebt, da unserer Erkenntnis weitere Perspektiven entstanden sind. Wir verwerfen alsdann das Irrtümliche und formulieren einen neuen Standpunkt, ohne behaupten zu wollen, daß dieser neue Ausblick auf die Erscheinungen des Lebens ein Abschluß ist und daß nun alles erledigt sei. Nein, es liegt im Wesen unserer geistigen Entwicklung, daß ein endloses Vorwärtsstreben unter den Menschen vorhanden ist. Daraus ergibt sich aber auch in derselben Zeit, daß die Ausgangspunkte unserer Ideen und die Ausblicke unserer Erkenntnis nicht bei allen Menschen die gleichen sein können; und vielleicht ist diese Ungleichheit der Auffassung die eigentliche Triebfeder jedes geistigen Fortschrittes.
Wenn dem aber so ist, dann müssen wir auch begreifen, daß jede besondere Meinung nur einen bedingten, oder besser gesagt, einen relativen Wert hat, und diese Erkenntnis sollte uns dazu bringen, Toleranz gegen andere zu üben und nicht alle Ideengegensätze und Meinungsverschiedenheiten auf Böswilligkeit oder persönliche Voreingenommenheit zurückzuführen.
Toleranz muß die Grundlage jeder großen sozialen, vom Prinzip der Freiheit getragenen Bewegung sein, denn nur indem wir einer anderen Meinung gegenüber den nötigen Respekt bekunden, verleihen wir unserer eignen Anschauung erst wahre Kraft und Stärke.


 

Diesen Artikel haben wir am 12.04.2022 in unseren Katalog aufgenommen.