Medienvertrieb mit Barrikade

Fragen an Bert Ron vom »SYNDIKAT-A«-Medienvertrieb in Moers (Das Interview in der "Direkten Aktion" wurde wg. Platzmangel leicht gekürzt.)

Der Syndikat-A - Medienvertrieb bewegt sich im politischen Spannungsfeld von Syndikalismus, Anarchismus, Rätekommunismus und libertärem Marxismus. Dabei werden Bücher, Broschüren und andere Medien vertrieben und zum Teil auch selbst produziert, die sich gegen die Fabrikgesellschaft und die herrschende kapitalistische Verwertungslogik stellen und deren OrganisatorInnen gegen die »Diktatur der Produktion über die Bedürfnisse der Menschen« einstehen. Grund genug, diesem Vertrieb einmal per Interview hinter die Kulissen zu schauen. Bert Ron, Mitorganisator von Syndikat-A, berichtet über Beginn, Verlauf und Perspektiven des libertären Medienvertriebs.


Warum und wann ist das Syndikat-A entstanden?
Nun, das ist schon etwas länger her. ’86 bin ich in die FAU eingestiegen und 1993 kam das „Erste vorläufige Bestellprogramm“ heraus. Die Beweggründe für die Gründung des Vertriebes waren zum einen der desolate Zustand der FAU-Public-Relation, d. h. FAU-Broschüren kamen eher nach dem Zufallsprinzip heraus, mussten über verschiedene Adressen bezogen werden, je nachdem, welche Ortsgruppe gerade was publiziert hatte; und zum anderen wollte ich damals zur üblichen Anarchotheorie auch rätekommunistische Gedanken und Herangehensweisen unter die Leute bringen. Damals wie auch heute denke ich, daß wir als Anarcho-SyndikalistInnen durchaus von rätekommunistischen und libertären marxistischen Ideen profitieren können.

Aber wie gesagt, hauptsächlich nervte das Nicht-Vorhandensein anarcho-syndikalistischer Propaganda in Form von Broschüren und Ähnlichem.
Ein Beispiel: Da hatten wir endlich in einer bundesweiten Arbeitsgruppe eine – für damalige FAU Verhältnisse gute und moderne - Prinzipienerklärung erarbeitet, die auch durch den schwerfälligen Prozeß eines Referendums von der Organisation abgesegnet wurde, und dann... war’s das erst mal. Wir haben die Prinzipienerklärung dann einfach gedruckt, sonst hätte man bestimmt noch 1 – 2 Jahre warten müssen, um den Leuten mal eine moderne anarcho-syndikalistische Sicht der Dinge präsentieren zu können. Vorher hatten wir nur die etwas verstaubte „Prinzipienerklärung des Syndikalismus“ von Rudolf Rocker. Mit der Gründung von FAUMAT gehörte dieses schwerfällige und unkoordinierte Geprutsche nun der Vergangenheit an.

Inwiefern ist libertäre Leidenschaft im Spiel oder ist das Büchermachen reinster Freizeitspaß?
Von Beidem etwas... Wenn man irgendwann klar hat, was man politisch für richtig hält, stellt sich meist auch ein entsprechendes Sendungsbewusstsein ein, d.h. man will auch seine Inhalte rüberbringen. Das zeigt sich dann im Buchsortiment, welches wir anbieten, oder auch bei den selbst hergestellten Büchern und Broschüren. Der “reinste Freizeitspaß“ ist das Syndikat-A garantiert nicht. Es ist halt auch Arbeit - aber in vielerlei Hinsicht durchaus selbstbestimmt, mit Spaßfaktor sozusagen. Es entwickelt sich dabei so was wie Produzentenstolz, wenn du eine neue Broschüre oder gar ein neues Buch selbstorganisiert hast...das hat schon was. Aber wir müssen die eingesetzte Kohle eben wieder reinholen und unsere Klamotten auch verkaufen.

Was waren eure Erfolge und Misserfolge?
Ach Erfolge... Ich seh’ es als Erfolg an, wenn uns jemand schreibt “tolle Bücher habt ihr im Programm“, oder daß wir ein paar treue Leute haben, die regelmäßig mit uns in Kontakt bleiben. Oder wenn sich Diskussionen ergeben, in denen Leute sich informieren, nachhaken und ich auch selber meine Position neu überprüfen muss; und wenn einige sich anschließend gar in der FAU organisieren, ist das schon toll.
Andererseits war unsere Arbeit als Kollektiv zumeist nicht von Erfolg gekrönt. In der Regel war es immer eine Person, die in einer bestimmten Phase den Laden am Laufen hielt. Das wechselt immer wieder mal, dazu kommt, daß wir ja auch noch arbeiten gehen müssen, und wenn man einen Buchversand vernünftig machen will, artet das schon in Arbeit aus, d.h. es geht viel Zeit dabei drauf. Z.Z. sind wir drei Leute, die regelmäßig und nicht in Konjunkturen arbeiten. Durch die Praxis hat sich ein kleines Kollektiv herausgebildet, ohne das wir darauf so krampfhaft wie in der Vergangenheit hingearbeitet hätten. Das ist eine recht neue Erfahrung für mich.

Verdient ihr mit dem Syndikat-A Geld?
Nein. Wenn man mit Büchern Geld verdienen will, kann man das nicht mit Büchern unseres Sortiments machen. Reine linke Buchläden gibt es so eh kaum noch, die Politregale werden immer schmaler, die Rubrik Esoterik und anderer geistiger Dünnschiß immer fetter. Emanzipation ist nicht mehr hip. Außerdem sollte man meiner Meinung nach mit emanzipatorischer „Politik“ kein Geld verdienen wollen, es korrumpiert, es verändert dich klammheimlich. Es hat ja seine Gründe, daß die FAU kategorisch bezahlte Leute, egal ob als Redakteure oder Sekretäre ablehnt...irgendwann schielst du nur noch auf den Umsatz, und deine eigentliche politische Arbeit im Betrieb und Stadtteil geht baden.
Bisher haben wir unsere mageren Gewinne in unser Zentrum „Barrikade“ gesteckt oder in ein paar Geräte, z.B. für die Broschürenweiterverarbeitung. Wenn es finanziell noch besser läuft, müsste man sich überlegen, ob nicht ein Teil der Überschüsse in einen Rechtshilfetopf der FAU o.ä. gespendet wird. Aber leider sind wir davon noch weit entfernt.¶ Ab Januar werden wir erst mal den Wissenschaftsladen mit ein paar Euro unterstützen, der mit seiner Arbeit wesentlich unsere FAU-Kommunikation und auch das Syndikat-A stützt.

Habt ihr Ausstellungsräume für eure Bücher/Medien, wo man sie ansehen und auch kaufen kann?
Ja, wir haben Räumlichkeiten im eben erwähnten Zentrum „Barrikade“. Jeden Freitag kann man ab 20 Uhr vorbeikommen, bei Veranstaltungen sind wir ebenfalls immer anwesend. Die aktuellen Veranstaltungstermine stehen in unserem Onlineshop.

Wie groß ist das Interesse an euren Medien und ist es in letzter Zeit gestiegen?
Durch den Onlineshop ist das Interesse schon gestiegen, aber umwerfend ist es trotzdem nicht. Davor hätten wir mangels Kundschaft fast zugemacht, jetzt haben wir wieder etwas Hoffnung. Wir hatten sozusagen den Anschluß an die modernen Medien verschlafen und waren auch einfach in unserer Arbeit zu phlegmatisch. Mit dem Onlineshop und mit unserer neuen Mitkollektivistin ging es 2004 kontinuierlich bergauf. Inwieweit in dem Zusammenhang auch das Interesse an anarcho-syndikalistischer bzw. libertärer Politik und Arbeit gestiegen ist, kann man da schlecht sagen.

Wie ist euer Verhältnis zur FAU? Ihr schreibt ja selber in eurem Selbstverständnis, dass ihr der FAU nahe steht.
Wir sind z.Z. im Syndikat-A drei Aktive, einer ist in der FAU organisiert, eine, unsere langjährige Druckerin, droht mit ihrem Eintritt und die Dritte im Bunde ist einfach gemeingefährlich, nichts für eine seriöse Organisation..., aber gut unterwegs.

Seid ihr eine Nische in der derzeitigen „Krise der Kleinverlage“ oder arbeitet ihr auch stets an der Grenze zum Ruin und zur Selbstausbeutung?
Diese Frage passt nicht so recht auf unsere Tätigkeit...so was wie unseren Broschürenverlag gibt es glaub’ ich nicht noch mal. Daher haben wir keinen Vergleich. Bücher sind einfach schweineteuer geworden, die wären nicht so teuer, wenn nicht Leute damit Geld verdienen wollen - was übrigens völlig legitim ist. Aber für Bücher mit 80 Seiten 10 Euro zu verlangen..., das geht nicht. Wir wollen unsere Klamotten aus politischen Gründen an den Menschen bringen, und das hat seinen Preis. D.h. es ist oft zuviel Arbeit; aber wir bauen auch gerade sehr viel auf, den Webshop, neue Broschüren, ein neues Buch Anfang des Jahres, das haut schon rein; aber als Selbstausbeutung würde ich das nicht bezeichnen. Wir wollen zukünftig weniger arbeiten, dafür kontinuierlicher und auch inhaltlicher! Da bleibt einiges auf der Strecke, beispielsweise haben wir z.Z. eine interne Chomsky Diskussion, inwieweit wir seine Ansichten noch mittragen (die problematische Solidarität in Sachen Meinungsfreiheit für Auschwitzleugner, seine Unterstützung von Kerry usw.). Zumindest müssen wir Stellung beziehen, wenn wir umstrittene Autoren verkaufen oder publizieren. Solche interessanten inhaltlichen Dinge kommen erst jetzt nach der groben, oft rein technischen Arbeit der letzten Zeit verschärft auf uns zu.

Was sind eure Zukunftspläne?
Mehr verkaufen, damit wir unsere Produktionsmittel endlich modernisieren können. Verschärft Broschüren zu aktuellen Diskussionen und wichtigen Themen herausbringen, und nicht ewig alte Texte von 1920 oder so zu publizieren... und das alles mit weniger Arbeitsaufwand. Man hat ja nur ein Leben...